Das Recht auf Genuss: Genussscheine als Beteiligungsmöglichkeit

Nicht jeder, der sich an einer gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft beteiligen will, möchte auch in allen Fragen gleichberechtigt die Verantwortung teilen. Viele Menschen sind zuallererst an der Ernte interessiert: Sie wollen die Lebensmittel genießen, die in der Gemeinschaft erwirtschaftet werden. Mit einem Genussschein erwirbt man das verbriefte Recht, am Ertrag einer Unternehmung anteilig beteiligt zu werden. In CSA-Gemeinschaften macht diese Beteiligungsform doppelt Sinn - ein Recht auf Genuss durch das Teilen der Ernte.

Zum Einstieg: Was sind überhaupt "Genussrechte" und "Genussscheine"?

Ein "Genussrecht" ist eine schuldrechtliche Vereinbarung zwischen einem Kapitalgeber (Genussrechteinhaber) und einem Kapitalnehmer (Unternehmen). In einer gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft ist der Kapitalnehmer in der Regel ein Landwirt mit seinem Betrieb. Die Mitglieder der Gemeinschaft bringen ihrerseits Vermögen ein und erwerben damit einen schuldrechtlichen Anspruch am anteiligen Unternehmensgewinn. Die eingefahrene Ernte oder der erwirtschaftete Ertrag des Hofes wird unter den Genussrechteinhabern geteilt. Auch eine Verzinsung der Kapitaleinlage in harter Währung kann als Ertragsbeteiligung vereinbart werden. Ein "Genussschein" hingegen ist letztlich nichts anderes als ein verbrieftes Genussrecht, das damit leichter von einem Inhaber auf einen anderen übertragbar wird - zum Beispiel beim Ausscheiden eines Genussscheininhabers aus einer CSA-Gemeinschaft.

Wie ein Genussrecht genau ausgestaltet wird, kann frei zwischen den Beteiligten ausgehandelt werden. Es gibt keine vom Gesetzgeber rechtlich festgelegten Normen, damit dieser Spielraum für eine privatrechtliche Einigung zwischen den Kapitalgebern und dem Kapitalnehmer voll ausgeschöpft werden kann.

Genussrechte sind übrigens keine gesellschaftsrechtliche Beteiligung. Sie räumen damit dem Inhaber nach dem Erwerb auch keine weiter führenden Mitbestimmungsrechte ein. Das gibt dem Landwirt weitestgehende Unabhängigkeit bei der Wahl seiner Wirtschaftsweise und Methoden.

Genussrechte in der gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft

Naturgemäß muss jede Investition in die landwirtschaftliche Erzeugung eines Lebensmittels vor der Saat erfolgen und sie wird frühestens nach der ersten Ernte wieder einen Ertrag abwerfen. Die Laufzeiten von Genussrechten können frei festgelegt und damit gut den jahreszeitlichen Zyklen einer Hofgemeinschaft angepasst werden. Sobald sich die Laufzeit auf einen Zeitraum von fünf Jahren oder mehr erstreckt, kann das eingebrachte Vermögen in der Betriebsbilanz auch als Eigenkapital ausgewiesen werden und unterliegt außerdem einer längeren Kündigungsfrist. Das ist nachhaltiger für den wirtschaftlichen Betrieb der Hofstätte. Selbst Modelle ohne jegliche Laufzeitbefristung sind möglich. Sie ermöglichen eine langfristige Kalkulation für den Hofbetrieb, wie sie beispielsweise für den Bau neuer Stallanlagen oder die Investition in Maschinen erforderlich ist.

In der Regel werden Genussrechte mit einer festen Grundverzinsung vereinbart. Der landwirtschaftliche Betrieb als Kapitalnehmer kann diese Zinsvergütungen steuerlich als Betriebskosten absetzen.

Genussrechte beteiligen den Kapitalgeber aber nicht nur am Ertrag, sondern auch am möglichen Verlust eines Unternehmens. In einer gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft gehört die solidarische Beteiligung aller Gemeinschaftsmitglieder an den möglichen Risiken eines Ernteausfalls mit zu den wichtigsten Vereinbarungen. Der Landwirt wird mit den Launen des Wetters und den Folgen des Klimawandels nicht allein gelassen! Fällt der Ertrag der Ernte und damit der wirtschaftliche Zugewinn des Betriebes kleiner aus als erwartet, so bekommt der Inhaber eines Genussscheins nur so viel Zinsertrag wie ihm als Anteil am verminderten Ertrag zusteht. Verluste werden ebenso anteilig auf das eingebrachte Genussrechtekapital angerechnet, auch in der Betriebsbilanz. Bringen die Folgejahre wieder bessere Erträge, so werden damit zunächst die Rückzahlungsansprüche der Genussrechteinhaber aufgefüllt, danach erst fallen wieder Zinserträge für die Kapitalgeber ab.

Auch wenn die Genussrechteinhaber gemeinschaftlich die Ausfallrisiken der Landwirtschaft absichern, sollte unbedingt vermieden werden, Genussrechte zur Finanzierung von bereits auftretenden Verlusten auszugeben. Vielmehr empfiehlt es sich, für Genussrechte generell eine Rückzahlung zu vereinbaren. Je größer der Anteil der Genussrechte am Bilanzvermögen ist, umso ratsamer wird es für die Gemeinschaft und den Betrieb, für ihre Rückzahlung Rücklagen in Höhe der Abschreibung der getätigten Investitionen zu bilden.

Beispiele aus der Praxis

Nicht nur CSA-Gemeinschaften, sondern auch andere Gärtnereien, Landwirte und Molkereien nutzen Genussrechte, um von ihren "Genießern" Kapital für den wirtschaftlichen Betrieb zu erhalten. Hier zwei Beispiele:

Die BioLesker KG ist eine Gemüsegärtnerei mit Abokiste und bietet Genuss-Scheine (Mindesteinlage 1.000 € , 3 % Zinsen, bei Auszahlung in Naturalien 4,5%) www.biolesker.de

Die Tübinger Bio Bauernmilch GmbH ist eine Bio Molkerei und bietet Genuss-Scheine ( Mindesteinlage 500,-€, 3% Zinsen) www.tue-bio.de

Mustervereinbarungen zum Download

Die folgenden Vorlagen bietet makeCSA.org als Orientierungshilfe an. Sie sind gut für den eigenen Bedarf anzupassen. Textbeitrag und Vorlagen können allerdings eine fachliche Beratung durch den Steuerberater oder Anwalt nicht ersetzen.